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Gefahrstofflager aus verschiedenen Modulen

Spezialchemikalienhersteller setzt auf modulares Konzept
Gefahrstofflager aus verschiedenen Modulen

Das Stammwerk der CHT Gruppe in Dußlingen nahe Tübingen produziert jährlich 50 000 t Spezialchemikalien für Kunden auf der ganzen Welt. Auf dem Gelände lagern mehrere Tausend Tonnen Gefahrstoffe. cav sprach mit Günther Schätzle, Manager Plant Engineering Production & Logistics bei der CHT Germany GmbH, über die Erweiterung des Chemikalienlagers, die nicht ganz der üblichen Vorgehensweise entsprach.

Herr Schätzle, bei der Lagerung von Chemikalien gelten strenge gesetzliche Auflagen. Wie gehen Sie damit um?

Günther Schätzle: Chemieunternehmen werden mit komplexen und manchmal widersprüchlichen gesetzlichen Auflagen konfrontiert, wenn es um die Lagerung großer Mengen unterschiedlicher Gefahrstoffe geht. Je nach Gefährlichkeitsmerkmal und Lagermenge sind entsprechend aufwendige Schutzmaßnahmen vorzusehen. Bei verschiedenen Gefahrstoffen ist stets zu prüfen, ob eine Zusammenlagerung erlaubt ist. Brand- und Explosionsgefahren sind sorgfältig abzuwägen und im Brandschutzkonzept zu berücksichtigen. Der Genehmigungsprozess ist in der Regel anspruchsvoll und langwierig.

Da die Produkte der CHT Gruppe häufig kundenspezifisch und daher sehr komplex sind, sind auch wir den strengen Auflagen unterworfen. Auf unserem Gelände werden mehrere Tausend Tonnen solcher unterschiedlicher Gefahrstoffe umgeschlagen. Das erfordert eine leistungsstarke und gleichzeitig flexible Logistik. Als der Bau einer weiteren Lagereinrichtung für Gefahrstoffe am Standort erforderlich war, wollten wir eine neue Lösung ausprobieren, die uns maximalen Spielraum bietet.

Wie sieht diese Lösung aus?

Schätzle: Anstelle des Baus einer weiteren großen Lagerhalle mit offenen Regalen haben wir auf ein modulares Konzept gesetzt. Die übliche Vorgehensweise erschien uns zu unflexibel. Außerdem ist der Bau einer großen Halle, in der viele unterschiedliche Chemikalien gelagert werden können, mit hohen behördlichen Auflagen und hohen Baukosten verbunden. Das bedeutet gleichzeitig auch eine lange Projektlaufzeit, bis das Lager schließlich genutzt werden kann. Im Frühjahr 2020 holten wir uns die Experten für eine sichere Gefahrstofflagerung von Denios ins Haus. Nach einer einjährigen technischen und kommerziellen Planungsphase gingen CHT und Denios das gemeinsame Projekt an. Gemeinsam mit dem Industriebauspezialisten Company4 wurden die fünf Kernpunkte des Vorhabens formuliert: Sicherheit, Flexibilität, Modularität, Energieautarkie, Digitalisierung. Die Lösung umfasst nun 30 einzelne Lagermodule statt einer großen Halle inklusive einer digitalen Fernüberwachung der Anlagendaten. Die Lagermodule stehen auf einer Spezialbetonplatte, ausgebildet als flüssigkeitsdichte Wanne.

Welche Vorteile bietet die Lösung und für welche Lagerklassen ist sie geeignet?

Schätzle: Das Baugenehmigungsverfahren für das Chemikalienlager wurde dadurch beschleunigt, dass für jedes Lagermodul eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung vom Deutschen Institut für Bautechnik (DIBt) vorliegt. Somit erfüllen die Gefahrstofflager in Verbindung mit der wasserrechtlichen allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassung der Auffangwanne alle Voraussetzungen für die behördliche Erteilung der Baugenehmigung. Die Module sind jeweils separat brandschutztechnisch ausgestattet und nach den gesetzlichen Vorgaben (u. a. AwSV, TRGS 510) bewertet sowie für die lokalen Wind-, Schnee- und Erdbebenlasten ausreichend bemessen.

Jedes Lagermodul ist somit ein eigener Lagerbereich nach Gefahrstoffrecht. Wir können jederzeit die Lagerklassen pro Modul wechseln. Das ist ein hochflexibles Konzept und gibt uns die notwendige Freiheit beim Bestücken des Lagers mit allen Lagerklassen, die die TRGS 510 kennt. Stoffbezogene Mengenschwellen sind in den kleineren Lagereinheiten deutlich besser einzuhalten und Anpassungen aufgrund schwankender Nachfragen sehr viel schneller zu realisieren als bei den bisherigen Lösungen.

Welche Lagermodule wurden ausgewählt und welche Kapazitäten haben diese?

Schätzle: In dem modularen Chemikalienlager kommen zwei verschiedene Modulbauarten zum Einsatz: Zum einen isolierte Gefahrstofflager mit feuerbeständiger Dämmung, die zum Schutz von benachbarten Anlagen und Gebäuden gegenüber einer Brandgefahr im Lager mit Brandschutzabständen aufgestellt werden müssen. Die zweite Modulart sind Brandschutzlager (F 90/REI7 90), also Gefahrstofflager mit einer feuerbeständigen F 90-Doppelrahmenkonstruktion für beidseitigen Brandschutz. Brennt es innen, sorgt der äußere Tragrahmen des Raumsystems für den nötigen Halt. Brennt es außen, entsprechend umgekehrt. Die F 90-Abtrennung dient dem Schutz vor gegenseitiger Brandeinwirkung zwischen Lager und benachbarten Anlagen und Gebäuden. Hier sind keine Sicherheitsabstände erforderlich.

Das isolierte Gefahrstofflager bietet auf drei Lagerebenen deutlich mehr Stellkapazität als das Brandschutzlager mit zwei Lagerebenen: 18 IBC oder 60 Fässer im Vergleich zu 8 IBC oder 32 Fässer. Aufgrund der baulichen Brandschutzvorgaben darf das isolierte Gefahrstofflager jedoch nur unter Einhaltung von Sicherheitsabständen aufgestellt werden, es sei denn, es grenzt an einen brandschutztechnisch abgetrennten Bereich, zum Beispiel das Brandschutzlager.

Wie wurden die Lagermodule demnach angeordnet?

Schätzle: Um Fläche zu sparen, wurden die beiden verschiedenen Modulbauarten unter Berücksichtigung von Brandschutzabständen kosten- und platzeffizient aufeinander abgestimmt und im Wechsel aufgestellt. Es sieht zwar auf den ersten Blick etwas chaotisch aus, das ist aber der Trick bei der ganzen Angelegenheit. So lassen sich unter Einhaltung der Vorschriften doppelt so viele Paletten auf gleicher Fläche einlagern, als wäre ausschließlich eine Modulbauart zum Einsatz gekommen. Zudem ist jedes Lagermodul unterschiedlich ausgestattet und erhielt daher einen genau zugewiesenen Platz.

Wie lange dauerte es, bis die Lagermodule in Betrieb genommen werden konnten?

Schätzle: Während der Bauzeit wurde CHT von Denios bereits mit ersten Lagermodulen zur unterbrechungsfreien Zwischenlagerung versorgt. Die finale Auslieferung der restlichen Systeme und die Endmontage erfolgten Anfang November 2021 reibungslos und zügig. Innerhalb von drei Wochen waren die 30 Lagermodule aufgebaut.

Anschließend wurden der überspannende Stahlbau für die Überdachung des gesamten Lagerbereiches errichtet, die Elektroversorgung für alle Lagersysteme und die Datenvernetzung mit dem hauseigenen Prozessleitsystem sichergestellt und die stationäre Löschanlage installiert. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach gewährleistet den energieautarken Betrieb der Gesamtanlage.

Welche Maßnahmen gewährleisten die Sicherheit der Anlage?

Schätzle: Zusätzlich zu den bereits genannten baulichen Maßnahmen wie geprüfte Statik, Brand- und Gewässerschutzmaßnahmen ist jedes System mit dem digitalen Leckagewarnsystem Spillguard connect ausgestattet, das die Daten per Narrowband IoT in eine Denios-Cloudanwendung überträgt und dort für den kundenseitigen Abruf bereitstellt.

Die Gesamtanlage bietet ein Höchstmaß an Sicherheit, das begeisterte nicht nur den TÜV. Die zuständige Genehmigungsbehörde für das Bauvorhaben bewertete das Sicherheitskonzept zudem als zukunftsweisend für die Branche und genehmigte das Vorhaben in Rekordzeit. Aus meiner Sicht hat das Projekt Vorzeigecharakter für die gesamte Chemieindustrie und dient der Standortsicherung in Europa.

An das Bauprojekt konnte CHT mit einem IIoT-/Automationsprojekt synergetisch anknüpfen, bei dem es um die innovative Integration von herstellerseitig bereitgestellten Signal- und Steuerungsdaten in das kundenseitige Prozessleitsystem geht. Als ein Bestandteil werden die Signaldaten des Leckagewarnsystems Spillguard connect mit Datenströmen weiterer Anlagenkomponenten durch die Verwendung von MTP-Datenformaten auf OPC-UA-fähigen Prozessdatensystemen herstellerunabhängig zusammengeführt.

Planen Sie auch zukünftig auf dieses Modell der Chemikalienlagerung zu setzen und wird das Konzept auch an anderen Standorten Anwendung finden?

Schätzle: Ja, das tun wir. Aktuell liegt uns ein Angebot von Denios für ein weiteres Lager nach diesem Schema vor. Das Ganze wird auch an weiteren Unternehmensstandorten in Betracht gezogen.

Denios GmbH, Bad Oeynhausen

Halle 4.0, Stand J8


DAS INTERVIEW FÜHRTE FÜR SIE Daniela Held

Redakteurin


„Das modulare Konzept ist absolut überzeugend. Jedes Lagermodul ist ein eigener Lagerbereich nach Gefahrstoffrecht. Wir können jederzeit die Lagerklassen pro Modul wechseln.“



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