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Wie bestimmt man den CO2-Fußabdruck für ein Unternehmen?

Nachhaltigkeitsberichterstattung
Wie bestimmt man den CO2-Fußabdruck eines Unternehmens?

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Der regulatorische Druck steigt: Wie bestimmt man nun einen realistischen CO2-Fußabdruck für ein Unternehmen? Bild Deemerwha studio - stock.adobe.com

Die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen wird zunehmen durch ihr nachhaltiges Handeln beeinflusst. Bislang ist es jedoch schwer zu unterscheiden, welche Maßnahmen wirklich nachhaltig sind und bei welchen es sich nur um sogenanntes Greenwashing handelt. Wie lässt sich die Bestimmung des CO2-Fußabdrucks standardisieren?

Die EU hat die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) auf den Weg gebracht, um die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen vergleichbar zu machen. Ab 2024 sind Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitenden und/oder mehr als 40 Mio. Euro Nettoumsatz und/oder einer Bilanzsumme von mehr als 20 Mio Euro in der Pflicht einen Nachhaltigkeitsbericht anzufertigen, der konkrete Angaben zum Verständnis des Geschäftsverlaufs, des Geschäftsergebnisses sowie zur Lage des Unternehmens enthält und außerdem die Auswirkungen seiner Tätigkeiten auf Mensch und Umwelt enthält. Die Geschäftsführung ist künftig für die Nachhaltigkeitsberichterstattung haftbar. Zu den umweltrelevanten Angaben gehören z.B. Treibhausgasemissionen und Energieeffizienz.

Was bedeutet Scope 1-3 bezogen auf Treibhausgasemissionen

Aber wie bestimmt man nun einen realistischen CO2-Fußabdruck für ein Unternehmen? Das GHG-Protocol ist einer der meistgenutzten internationalen Standards zur Berechnung unternehmensbezogener Treibhausgasemissionen. Dabei gibt es drei Geltungsbereiche, in denen Unternehmen oder Organisationen Treibhausgase emittieren. Diese Geltungsbereiche werden als “Scopes” bezeichnet. Scope 1 betrifft Emissionen aus Quellen, die direkt im Besitz oder Geltungsbereich der Unternehmen sind (z.B. Heizkessel oder Fuhrpark). Scope 2 betrifft Emissionen aus der Nutzung von Energie, die eingekauft werden (z.B. der eigene Stromverbrauch, Wärme, Kühlung, etc.). Erzeugt das Unternehmen die genutzte elektrische Energie selbst, dann wird dieser Strom nicht als Scope 2 bilanziert, sondern der eingesetzte Brennstoff unter den Scope 2. Scope 3 betrifft Emissionen, die aus Aktivitäten resultieren, die nicht direkt zum Unternehmen gehören (z.B. aus Geschäftsreisen oder dem Abfallmanagement).

Die Schwierigkeit liegt bei Scope 3

Scope-1- und Scope-2-Emissionen sind auf dem Weg zu einer Netto-Nullbilanz der Treibhausgasemissionen eher leicht zu bilanzieren. Eine Reduzierung der vom Unternhemen produzierten Emissionen (Scope 1) und der Emissionen aus dem Energieverbrauch (Scope 2) senkt direkt den Carbon Footprint. Die schwerste Aufgabe sind die Scope-3-Emissionen, d. h. alle anderen Emissionen, die aus vor- und nachgelagerten Bereichen stammen und sich indirekt auf die Wertschöpfungskette auswirken.

Scope 3 ist am schwierigsten zu kontrollieren und zu messen, hat aber auch den größten Einfluss auf die Gesamtreduktion der Emissionen. Was den vorgelagerten Bereich betrifft, so besteht ein wichtiger Aspekt darin, sicherzustellen, dass die Rohstoffe, die gekauft werden, einschließlich des Weges, auf dem sie transportiert werden, ebenfalls kohlenstoffarm oder kohlenstoffneutral sind.

Hier ist eine große Dynamik im Gange. Chemieunternehmen werden von ihren Kunden zunehmend nach dem Kohlenstoff-Fußabdruck ihrer Produkte gefragt, der nicht nur die für die Herstellung des Produkts emittierten direkten Emissionen und die benötigte Energie berücksichtigt, sondern auch den Kohlenstoff-Fußabdruck der für die Herstellung des Produkts verwendeten Rohstoffe.

Auch das in der Schweiz ansässige Unternehmen Clariant stellt fest, dass immer mehr Kunden sich für die CO2-Bilanz der Produkte interessieren, die sie kaufen. Clariant hat sich zum Ziel gesetzt, die Treibhausgasemissionen (Scope 1 und 2) bis 2030 um 40 % und die Scope 3-Emissionen um 14% zu senken – Ziele, die von der Science Based Targets Initiative (SBTi) bestätigt wurden. Clariant ist eines der wenigen Chemieunternehmen, die ein Ziel für die Scope-3-Emissionen formuliert haben. Clariant arbeitet mit Zulieferern zusammen, um den Kohlenstoff-Fußabdruck der von Clariant eingekauften Rohstoffe zu berechnen, und konsultiert Datenbanken, die auf der Grundlage bestimmter Prozesstechnologien lieferantenspezifische Kohlenstoff-Fußabdrücke berechnen. Clariant ist auch Teil der Arbeitsgruppe von Together for Sustainability (TfS), einer Organisation für die Beschaffung von Chemikalien, die einen Kriterienkatalog für die Berechnung des CO2-Fußabdrucks von Produkten herausgegeben hat.

Scope 3 in Chemieunternehmen

Auf dem Weg zu Netto-Null-THG-Emissionen ist die Messung und Reduzierung von Scope-3-Emissionen von entscheidender Bedeutung. Bei Chemieunternehmen macht Scope 3 in der Regel den größten Teil der Gesamtemissionen aus. Das US-amerikanische Unternehmen Dow schätzt seine Scope-1-Emissionen für 2021 auf 28,3 Mio. t CO2-Äquivalent und die Scope-2-Emissionen auf 5,7 Mio. t. Demgegenüber stehen geschätzte Scope-3-Emissionen von 77,6 Mio. Tonnen, also 70% der Gesamtemissionen. Von den Scope 3-Emissionen, die sowohl vor- als auch nachgelagerte Emissionen umfassen, stammten über 50% aus eingekauften Waren und Dienstleistungen.

Dow hat Klimadaten von rund 100 Zulieferern gesammelt, die 31% der Rohstoffausgaben im Jahr 2020 ausmachen, und strebt an, im Jahr 2022 mit rund 350 und im Jahr 2023 mit 500 Zulieferern in Kontakt zu treten und diese aufzufordern, Daten zu Kohlenstoffemissionen und Pläne zur Emissionsminderung offenzulegen. Das Unternehmen plant, die Daten zu nutzen, um die Genauigkeit der Messung seiner eigenen Scope-3-Emissionen zu verbessern und um Maßnahmen zu ergreifen und den Fortschritt bei der Erreichung seiner Emissionsreduktionsziele zu verfolgen.

Wie groß die Herausforderung bei Scope 3 ist, zeigt die Tatsache, dass bisher nur sehr wenige Chemieunternehmen Ziele für diese Emissionen formuliert haben. Sie haben sich überwiegend auf Ziele für die Verringerung der Emissionen von Scope 1 und 2 konzentriert, was an sich schon eine große Herausforderung ist, die erhebliche Investitionsausgaben erfordert.

Kohlenstoff-Fußabdrücke der Lieferanten

Natürlich werden die Scope-1- und -2-Emissionen von Chemieunternehmen durch die von ihnen verkauften Produkte Teil der Scope-3-Emissionen ihrer Kunden. ICIS hat vor kurzem in Zusammenarbeit mit Carbon Minds Supplier Carbon Footprints auf den Markt gebracht, die Daten zu Kohlenstoffemissionen von 71 Massenchemikalien und Kunststoffen nach Lieferanten, Werken und Regionen auf globaler Basis bereitstellen. Dies ist ein großer Schritt nach vorn für Chemieunternehmen beim Management von Scope-3-Emissionen. Wenn Unternehmen die Auswirkungen ihrer Lieferketten auf das Klima erkennen und die CO2-Bilanz ihrer Lieferanten vergleichen, kann der Wechsel eines einzigen Lieferanten einen sofortigen und bedeutenden Unterschied bei den Scope-3-Emissionen bewirken.

Scope-3-Emissionen quantifizieren und reduzieren

Für Unternehmen, die ihre Scope-3-Emissionen quantifizieren und reduzieren wollen, ist es von entscheidender Bedeutung, ein vollständigeres Bild nach Produkten und dem tatsächlichen Standort der Anlage zu erhalten. Es geht immer um die Lebenszyklusperspektive, einschließlich der gesamten vorgelagerten Lieferkette. Betrachtet man zum Beispiel ein Polymer, so verbraucht der Produktionsprozess Energie und verursacht einige direkte Emissionen – zusammengenommen wären das Scope 1 und 2. Der weitaus größere Teil der Emissionen entfällt jedoch auf den vorgelagerten Scope 3 – also auf die Art und Weise, wie die Ausgangsstoffe für diesen Polymerisationsprozess hergestellt werden, auf das Öl oder Gas, das aus dem Boden kommt, und auf den Transport dazwischen. Die Summe dieser Emissionen ist das, was wir den Kohlenstoff-Fußabdruck dieses Produkts nennen. Letztendlich fließen diese Chemikalien und Polymere und ihr Kohlenstoff-Fußabdruck nachgelagert zu den Endverbrauchern, einschließlich Markeninhabern und Unternehmen der schnelllebigen Konsumgüterindustrie (FMCG), die sich immer stärker auf die Kohlenstoffauswirkungen konzentrieren.

BASF kartiert Fußabdrücke

Wie wichtig es ist, die Auswirkungen auf die Umwelt zu messen, zeigt die BASF, die ein umfangreiches Projekt zur Messung des CO2-Fußabdrucks für ihr gesamtes Produktportfolio abgeschlossen hat. Das Unternehmen verwendet 20 000 Rohstoffe zur Herstellung von 45000 Chemikalien, die in 700 Anlagen auf der ganzen Welt produziert werden. Die Analyse umfasst den Kohlenstoffverbrauch in der gesamten Kette von der Exploration, Förderung und Raffinierung von Erdöl bis hin zur Umwandlung in Naphtha oder andere vorgelagerte chemische Grundstoffe. Die BASF hat einen Product Carbon Footprint (PCF) entwickelt, um ihren Kunden zu zeigen, wie sie ihren Scope 3 Carbon Footprint durch die Verwendung von Produkten reduzieren können, die z.B. aus recycelten Rohstoffen oder grüner Energie hergestellt werden. Im Juni kündigte die BASF eine Reihe von chemischen Zwischenprodukten an, deren CO2-Fußabdruck deutlich unter dem Weltmarktdurchschnitt liegt.

Das Unternehmen möchte sowohl seine Lieferkette als auch seine Wettbewerber dabei unterstützen, einen einheitlichen Ansatz zur Messung des CO2-Ausstoßes zu entwickeln, um gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen. Es stellt seine proprietäre digitale PCF-Lösung und -Methode Dritten, die im Softwarebereich tätig sind, über Lizenzvereinbarungen zur Verfügung. Nachdem die BASF ihren Kunden seit Anfang des Jahres Transparenz über den CO2-Fußabdruck bietet, arbeitet sie nun mit ihnen zusammen, um maßgeschneiderte kohlenstoffarme und kohlenstofffreie Produkte zu entwickeln. Im März kündigten BASF und Henkel eine Initiative an, um in den nächsten vier Jahren fossile Rohstoffe durch erneuerbare Rohstoffe für die meisten Produkte der europäischen Henkel-Geschäftsbereiche Laundry & Home Care und Beauty Care zu ersetzen.

Auch wenn heute noch nicht alle Informationen zur Verfügung stehen, um die Scope-3-Emissionen vollständig zu messen, ist es dennoch wichtig, schon jetzt damit zu beginnen, was zweifellos eine große Priorität für die Kunden sein wird, wenn sie ihre Nachhaltigkeitsziele erreichen wollen.

Regulatorischer Druck nimmt zu

Nicht nur in der EU, sondern auch in aderen Teilen der Welt nimmt der regulatorische Druck zu. In den USA hat die Securities and Exchange Commission (SEC) eine neue Vorschrift vorgeschlagen, die von börsennotierten Unternehmen die Offenlegung von Treibhausgasemissionen, einschließlich Scope 3, sowie von klimabezogenen Risiken und Zielen zur Erreichung von Netto-Null-Emissionen verlangen würde. Unternehmen wären verpflichtet, Scope 3-Emissionen offenzulegen, wenn sie wesentlich sind oder wenn das Unternehmen ein Ziel zur Reduzierung der THG-Emissionen festgelegt hat, das Scope 3 einschließt, so der Vorschlag.

Autor: Joseph Chang, Globaler Redakteur, ICIS

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