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Mit Data Hubs digitalen Fortschritt meistern

Erfassung, Austausch und Verwertung von Daten optimieren
Mit Data Hubs digitalen Fortschritt meistern

Von Logistikprozessen, die durch künstliche Intelligenz gesteuert werden, bis hin zur optimierten Bedarfsplanung mithilfe von Echtzeitmonitoring: Die Möglichkeiten der Digitalisierung scheinen grenzenlos. Doch wie genau sieht die digitale Entwicklung der Chemiebranche aus? Alexander Janthur, CEO der Technologieagentur Turbine Kreuzberg, spricht im Interview über die Herausforderungen der Digitalisierung und das Data-Hub-Konzept als technischer Ansatz zur Datenwertschöpfung.

Laut Digitalisierungsindex des Instituts der deutschen Wirtschaft liegen die Chemie- und die Pharmaindustrie in der Umsetzung von Digitalisierungsprozessen unterhalb des Durchschnitts. Herr Janthur, vor welchen Herausforderungen stehen diese Industrien, um eine digitale Weiterentwicklung zu vollziehen?

Alexander Janthur: Zunächst sind diese Branchen stark reguliert. Den Unternehmen wird ein hohes Maß an Gesetzeskonformität und Dokumentation abverlangt. Schon der kleinste Dokumentationsfehler kann zu langen Verzögerungen in Produktions- und Lieferprozessen führen. Viele Unternehmen der Chemie- und Pharmaindustrie sind also geprägt von bürokratischen, teils veralteten Prozessen, die häufig noch manuell durchgeführt werden. Von Bedarfslisten zu Produktregistrierungen: Die manuelle Erfassung ist fehleranfällig, undurchsichtig und vor allem ineffizient. Aufgrund aufwendiger Legacy-Prozesse bleiben diese Modelle in der Chemieindustrie dennoch beliebt. Somit steht das Motto „Das haben wir schon immer so gemacht” dem Fortschritt im Weg.

Welche Chancen bestehen in der Digitalisierung von Prozessen für die Chemieindustrie?

Janthur: Es besteht eine besonders enge Beziehung zwischen Händlern, Produzenten und Lieferanten in dieser Branche. Das lädt geradezu zu Prozesstransparenz und Informationsaustausch ein. Der Einkauf von Chemieprodukten ist sehr beratungsintensiv und erfordert häufig individuelle, fall- bzw. produktabhängige Expertise. Durch die digitale Erfassung von Dokumentationen, Prozessen und Produkten werden wertvolle Daten gewonnen, die unter anderem für die strategische Planung der Logistikketten und die weitere Automatisierung der Beschaffung nutzbar sind. Zudem eröffnet eine starke digitale Infrastruktur neue Wertschöpfungspunkte. Während die Hersteller vermehrt den digitalen Direktvertrieb anbieten, entwickeln sich Händler zu Serviceprovidern, die gemeinsam mit ihren Kunden Produktentwicklungen vorantreiben oder andere additive Services anbieten.

Das heißt, ein digitaler Wandel birgt auch eine Rollenveränderung mit sich. Welche direkten Entwicklungen sehen Sie im Markt?

Janthur: Gerade im Vertrieb werden die Schnittstellen mit Kunden zuerst digitalisiert. Sprich, Unternehmen investieren in einen starken digitalen Customer Service und nutzen gewonnene Daten zur Beratung und Übermittlung von Produktinformationen. Des Weiteren steigt der Digitalisierungsdruck zunehmend durch neue digitale Player, wie zum Beispiel Online-Marktplätze für Chemieprodukte, die sich stärker etablieren werden.

Können Sie ein Beispiel für einen technischen Ansatz nennen, von dem Chemieunternehmen profitieren können, um den digitalen Fortschritt zu meistern?

Janthur: Ohne die effiziente Verarbeitung von Daten können Unternehmen nicht mehr wirtschaftlich und wertschöpfend agieren. Daher sollten sie sich darauf fokussieren, alte und monolithische Strukturen beim Datenmanagement zu überwinden sowie neutrale und flexible Datenschichten einführen. Zurzeit dominieren ERP-Systeme die digitalen Infrastrukturen von produzierenden Chemieunternehmen. Diese sind oftmals kein geeignetes Instrument, um die notwendige Veränderung der Systemarchitektur voranzutreiben – und gleichzeitig nicht flexibel genug in der Datentransformation. Dabei sind solche Daten gerade wichtig für das Tracking von Produkten oder die Auslastung von Maschinen. Mit dem Ansatz eines sogenannten Data Hubs lassen sich Datenströme grundlegend harmonisieren und bündeln. Im Herzen dieser Struktur liegt ein System, welches wie ein zentrales Nervensystem in die Mitte der Systemschichten eingefügt wird. Mit diesem Ansatz wird die Datenkommunikation von einer verzweigten Struktur mit diversen Abhängigkeitsketten zu einer einheitlichen Standarddatenstruktur transformiert, die eine flexible Datenvermittlung zwischen allen Systemen ermöglicht. Somit bildet dieses Datenarchitekturkonzept unter anderem die Grundlage zur Nutzung von Künstlicher Intelligenz oder automatisierter Bedarfsplanung durch eine optimierte Datenübertragung.

Wie funktioniert ein solches Data-Hub-Konzept?

Janthur: Im Kern ist das Data Hub ein datenzentrierter Architekturansatz, der den Datenaustausch sowie die Erfassung und Verwertung von Informationen optimiert. Durch das Zusammenführen von Datenströmen lassen sich dieselben Daten an mehreren Anwendungspunkten gleichzeitig verarbeiten. Dabei verfügt jede Anwendung über einen vollständigen Datenzugriff auf eben jene Daten, die es zum Funktionieren benötigt. In einer Hub-Architektur wird der komplette Datenfluss einschließlich aller Änderungen von Datensätzen, dem Rollenmanagement und Schnittstellen gebündelt, während sich alle Systeme über eine standardisierte Schnittstelle mit ihm verbinden können. Anstatt einer Point-to-Point-Verbindung, die einzelne Systempunkte verknüpft, profitieren alle Systeme des Unternehmens im Data Hub von einer schnelleren und effizienteren Kommunikation miteinander.

Könnten Sie die Architektur eines Data Hubs durch eine Anwendung verdeutlichen?

Janthur: Eine gute Veranschaulichung ist die Datenverarbeitung zur intelligenten Produktions- und Bedarfsplanung. Durch das zentralisierte Datensystem entstehen neue Möglichkeiten für Verknüpfungen, die bislang nur schwer abbildbar waren. Zum Beispiel könnte ein internationaler Chemiehersteller einen Data Hub zur Abbildung der gesamten weltweiten Organisation nutzen. Vorhandene Daten liegen im Data Hub zentral, harmonisiert und nicht redundant vor. So können Unternehmen Datenströme aus Produktion, Vertrieb, Logistik und Qualitätssicherung in einem Data Hub zusammenführen und konsolidiert an Anwendungen wie Business-Intelligence-Tools und Automatisierungslösungen zur Verfügung stellen. Das Hub ist hiermit auch idealer Ausgangspunkt für die Entwicklung neuer digitaler Service-Modelle von Chemieherstellern.

Können Sie zum Abschluss des Interviews die Vorteile, die das Data Hub bietet, nochmals zusammenfassen?

Janthur: Neben der schnelleren und effizienteren Kommunikation von Daten ermöglichen Hub-Architekturen neue Wertschöpfungsketten für Unternehmen. Zudem lassen sich in diesem Konzept Systeme problemlos austauschen und erweitern, ohne zusätzliche Risiken und Kosten zu verursachen. Daher bleiben die Aufwände für Integrationen erheblich niedriger. Außerdem bildet das Data Hub die Grundlage, um moderne technologische Lösungen wie künstliche Intelligenz oder Predictive Maintenance zu nutzen. Wer Daten schnell und sauber erfasst und versteht, kann nicht nur Kosten sparen und effizienter arbeiten. Es eröffnet sich vielmehr ein neuer Wissenszweig, der das eigene Unternehmen modernisiert sowie den Nährboden für die Chemie 4.0 bildet.

www.prozesstechnik-online.de

Suchwort: Data Hub


Das Interview führte für Sie: Kaspar Pascal Holznagel

Freier Journalist

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